Wir Menschen
leben von Erinnerungen, Erlebnissen, begehen Gedenktage. Katholische und evangelische
Gläubige besuchen seit altersher in den ersten Novembertagen die Gräber der
Verstorbenen; der Buß- und Bettag, im Nebelmonat, bietet Gelegenheit zum Gebet, zur
Kontemplation. Wie der Einzelne auch immer seinen Verstorbenen Dankbarkeit, Liebe und
Verehrung entgegenbringt, die nationale Aufgabe des Erinnerns der Toten beider Weltkriege
und der Opfer der Gewaltherrschaft übernimmt alljährlich der Volksbund Deutsche
Kriesgräberfürsorge am Volkstrauertag. In feierlicher Form gedenken die Menschen,
überall in Deutschland der vielen Millionen gefallener Soldaten auf den Schlachtfeldern
Europas, Asiens und anderen Kriegsschauplätzen, der umgekommenen Menschen in
Konzentrationslagern, den unzähligen Toten, die in den Städten durch Fliegerangriffe um
ihr Leben kamen und den durch Flucht und Vertreibung Umgekommenen. Die Trauer um einen
lieben Menschen schwächt sich im Laufe der Jahre ab, schwindet dahin, verblasst.
Es gibt
Schmerzen, die auch noch nach Jahrzehnten lebendig bleiben, sich gegen das Vergessen
sträuben: Die Vertreibung von Haus und Hof, den Verlust der Heimat. Wie sieht das Umgehen
der Deutschen mit dem Leid, dem Schmerz der Vertriebenen aus? Alexander Mitscherlich, Arzt
und Psychoanalytiker betitelte eines seiner Bücher: Auf dem Weg zur vaterlosen
Gesellschaft- Die Unfähigkeit zu trauern". Hatte A. Mitscherlich Recht? Eines seiner
ersten Amtshandlungen, nach Einsetzung zum EKD-Ratsvorsitzenden des Bischofs Kock, bestand
darin zu erklären, dass sich die evangelische Kirche schon Ende der 40er Jahre dazu
bereit fand, die Vertreibung als geschehene Tatsache hinzunehmen. Unfähig zu trauern? Es
sei in diesem Zusammenhang noch an die umstrittene EKD Denkschrift der 70er Jahre
erinnert. Zur Belustigung und Diffamierung dienten die Vertriebenen den Kabarettisten,
hier tat sich besonders die Lach- und Schießgesellschaft mit Dieter Hildebrandt hervor.
Hohn und Spott gossen die Politiker, die Medien Revanchisten, Ewiggestrige,
Heimwehtouristen u.v.a.m. - über die Leidgeprüften. Wer erinnert sich nicht an die
unversöhnlichen Streitereien, Auseinandersetzungen zwischen politischen Parteien in
gehässigem, verletzendem Umgang untereinander. Ich sehe noch heute das vor Wut puterrote
Gesicht des Jochen Vogels, von der SPD, als dieser in den späten 80er Jahren im Bundestag
hasserfüllte Angriffe auf die Vertriebenenvertreter Czaja und Hupka abfeuerte, nur weil
sich diese Menschen für das Heimatrecht der Heimatlosen einsetzten. Seit etwa einem
Jahrzehnt bedient man sich der Methode des Verschweigens. Allerdings rührt sich die
empfindsame deutsche Seele globusweit bei der kleinsten Menschenrechtsverletzung, so bei
der Vollstreckung der Todesurteile an den Le-Grand-Brüdern in Texas oder bei der
Protestveranstaltung der FaluGong-Sekte in Peking. Das sonderbare tolerante Verhalten
allem Fremden gegenüber, steht im krassen Gegensatz, welches der deutsche Zeitgenosse
seinen Brüdern entgegenbringt. Sichtbar im Slogan: Fremde brauchen Freunde."
Die eigenen Brüder offenbar keine!
Am 5. November
übertrug der Deutschlandfunk die katholische Sonntagsmesse aus der Propsteikirche in
Lübeck. Zu Beginn der Predigt erinnerte Kaplan Peter Otto an den Münsteraner Bischof
August Graf von Galen und sein mutiges Eintreten (1941), als es um den Umgang des 3.
Reiches mit unproduktiven Volksgenossen" ging. Kaplan Otto sagte: Von
Galen damals: ,Sie können nicht mehr Güter produzieren, sind wie eine alte Maschine, die
nicht mehr läuft ... Was tut man mit solch alter Maschine? Sie wird verschrottet ...
Nein, hier handelt es sich um kranke, unproduktive Menschen meinetwegen. Aber haben sie
damit das Recht auf Leben verwirkt? Hast du, habe ich nur solange das Recht zu leben,
solange wir produktiv sind?"` Der seinerzeit an der Propsteigemeinde tätige
Kaplan Johannes Prassek sprach mit Priestern, Gemeindemitgliedern und öffentlich über
die Galen-Predigt. Das NS-Regime sah das mutige Diskutieren als landesverräterische
Feindbegünstigung an und verurteilte Johannes Prassek und andere Mitstreiter 1943 zum
Tode. Im weiteren Verlauf der Predigt sagte Peter Otto: Wer Gott und den Nächsten
wirklich liebt, der kann nicht schweigen, wenn die Rechte der Menschen, wenn das Recht auf
Leben mit Füßen getreten werden. Als Christen dürfen wir nicht unbeteiligte Zuschauer
bleiben wie die drei berühmten Affen, die nichts sehen, nichts hören und demnach nichts
sagen ... Wir dürfen nicht schweigen, wenn Menschen ausgegrenzt werden oder das Recht auf
Asyl in Frage gestellt wird."
Leider verhalten
sich Bundestag, Bundesregierung und die Medien gegenüber den Anliegen der
Heimatvertriebenen wie die drei Affen; von Mitgefühl, gar Trauer ganz zu schweigen. für
die Vertriebenen bleibt nur W. Brandts Kniefall - in Warschau übrig. Dieser erdrückte
alle Hoffnungen und Zusagen, ließ jegliche Solidarität ersterben erstickte den Aufschrei
Tausender geschundener Frauen und Kinder;
bewirkte den Verlust der Heimat, der Identität. Anders das Gedenken der Juden für
jedermann sichtbar - an der zentralen Stätte Yad Vashem. Die ganze Welt ist in den
Schmerz, das Leid einbezogen; auch Unbeteiligte identifizieren sich, fühlen mit den
Opfern. Wie sieht es mit dem Gedenken an den Genocid der ostdeutschen Vertriebenen aus?
Der französische Minister Leon Gambetta mahnte nach dem Verlust Elsass-Lothringen an
Deutschland, am 18. November 1871, seine Landsleute: Niemals davon sprechen, immer
daran denken!" Obwohl die von ihrem Vaterland getrennten Menschen in ihren Häusern,
in ihrer Heimat verbleiben konnten!
Das
Vertreibungsverbrechen, das den Ostdeutschen widerfuhr, versuchen Medien, politische
Parteien, kirchliche Institutionen mit Verzicht, Verschweigen, Vergessen zu lösen. Trauer
ist kaum erkennbar, eher schon Gleichgültigkeit. Der Volksbund Deutsche
Kriesgräberfürsorge gedenkt zwar alljährlich der vielen Toten, die durch kriegerische
Handlungen ihr Leben lassen mussten. Die Ungeheuerlichkeit der Vertreibung lässt es
angezeigt, dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit als mahnenden Tag der
Vertreibung" besonders im Gedächtnis der Menschen grundzulegen. Leopold von Ranke,
der Universalhistoriker des 19. Jahrhunderts, sah die Völkerwanderung und die Kreuzzüge
als die herausragenden, schlimmen Ereignisse der Weltgeschichte an. Die Verbrechen des 20.
Jahrhunderts zu kommentieren blieben ihm, dank seiner frühen Geburt, erspart. Dafür soll
Papst Pius XII. zu Wort kommen. Er sagte am 1. März 1948 u. a.: Die Vertreibung der
Ostdeutschen ist ein in der Vergangenheit Europas beispielloses Vorgehen " gewesen.
Wären nicht
wenigstens wir Deutschen in der Schuld der Vertreibung von Millionen unschuldiger Menschen
- diesem beispiellosen Verbrechen - an einem besonderen Tag zu gedenken? Wenn schon nicht
aus einem Gefühl der Pflicht, so doch der Dankbarkeit, dass diese bedauernswerten
Menschen das Joch der Heimatlosigkeit auf sich nahmen, wissend, was es bedeutete den
Menschen mit Zwang von seiner Heimat zu trennen: ihn im Geist zu töten! "
(Zitat aus der Charta der Vertriebenen") Was für die Juden Yad Vashem ist,
muss für die Deutschen: Stätte der Erinnerung, Mahnung.über den Verlust der
ostdeutschen Heimat, aber auch Dankbarkeit gegenüber der Opferbereitschaft der Schlesier,
Pommern, Ostpreußen und Sudetendeutschen sein. Ein Kniefall im eigenen Haus wirkte
glaubwürdiger, ehrlicher, gäbe Würde zurück! Eugen Otzipka
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