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Die Vertriebung ist ein Straftatbestand und bedarf keines Plurals

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Man sagte es beinahe wie selbstver­ständlich, bedeutete es doch einen Teil des Selbstverständnisses: Die deut­schen Heimatvertriebenen wünschen sich ein Zentrum gegen Vertreibung in einem angemessenen Gebäude in der deutschen Hauptstadt Berlin. Viele ha­ben dabei darüber hinweggelesen, dass aber ein Zentrum gegen Vertreibung in Planung ist. Die Diskussionen und Vorbereitungen für eine entsprechende Stiftungsgründung laufen bereits seit einem Jahr und die Zustimmung der breiten Basis der Heimatvertriebenen ist groß, sieht man doch darin die Mög­lichkeit, dass hier die Verbrechen do­kumentiert werden, die an der deut­schen Zivilbevölkerung begangen wur­den, eben einzig weil sie Deutsche wa­ren. Immerhin handelt es sich hier für europäische Verhältnisse um die mit Abstand umfangreichsten Verbrechen dieser Art im 20. Jahrhundert. Zwei­einhalb Millionen Deutsche verloren im Zuge dieser bis dahin einmaligen Vertreibungsaktion ihr Leben, 15 Mil­lionen ihre Heimat. Es haben uns an­dere Völker vorgemacht, wie man die Opfer seines eigenen Volkes ehrt und würdigt und wie sie im Gedächtnis des Volkes ihren festen Platz behalten. Gerade letzteres wird man allein mit Mahnmalen nicht leisten können. Mahnmale haben für die sogenannte „Erlebnisgeneration" eine unverzichtbare Funktion und Bedeutung, weiß doch jeder einzelne dieser Generation während der an diesen Malen stattfindenden Gedenkfeiern ganz genau und ganz konkret, wem er dort gedenkt. Hier flackern sie wieder auf die Schreckensbilder, die man im täglichen Leben einfach verdrängen muss, aber hier haben sie auch ihre Berechtigung: Die Kinder oder auch die Alten oder auch die geschändeten und ermordeten Frauen, die auf der Flucht bestattet werden mussten oder gar nur verscharrt werden konnten, dürfen nicht vergessen werden, sie haben als Teil unseres Volkes einen schweren Opfergang gehen müssen.

Aber Mahnmale haben auch etwas Statisches für denjenigen, dem die „Gnade der späten Geburt" -um einen Ausdruck Altkanzler Kohls zu gebrauchen zuteil wurde. Für die Nachgeborenen ist es zumeist eine abstrakte Skulptur mit abstrakten Formeln. Erst die Form der Dokumentation des Grauens, das da stattgefunden hat, sei es mit Fotos, Filmen oder mit Augenzeugenberichten, entreißt diese Opfer die größten, die unser Volk nach dem 30-jährigen Krieg erbringen musste für die nachwachsenden Generationen der Abstraktion, der Namen- und Gesichtslosigkeit. Zweieinhalb Millionen ist eine Zahl, die zwar erschrecken, aber wenig davon erahnen lässt, was jedem Einzelnen widerfahren ist. Eine Dokumentation kann mehr davon deutlich werden lassen, sie lässt vor allem auch sichtbar werden, dass es keine ethische Rechtfertigung für Verbrechen an Deutschen gibt, auch nicht mit dem Verweis auf Verbrechen, die von Deutschen begangen wurden. Dies hat selbst der Kanzler in seiner Rede vor den Vertriebenen am 3. September eingeräumt.

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Wenn dann aus dem Ansatz heraus, das Unfassbare, das heute Unvorstellbare zu dokumentieren, das Bewusstsein erwächst, dass alles unternommen werden muss, damit so etwas nicht wieder geschieht, nie mehr und nirgendwo, dann ist das ein Aspekt, der hoch bewertet werden muss. Es ist aber dennoch nur ein Aspekt. Der andere und für uns Deutsche nicht minder wichtige Aspekt ist der der Ehrung und des Gedenkens eben für die konkreten Opfer und - bezogen auf die nachfolgenden Generationen - für die Opfer unseres Volkes. Ein Zentrum gegen Vertreibung würde sich schon aus seiner Existenz heraus gegen den Völkerrechtsstraftatbestand der Vertreibung wenden. Es darf aber den Heimatvertriebenen keiner verübeln, wenn sie zuerst an ihre eigenen Opfer denken. Das ist legitim und der deutsche Staat hätte hier schon längst in der Pflicht gestanden.

Der im Hinblick auf die Einbeziehung anderer Vertreibungsverbrechen momentane Name „Zentrum gegen Vertreibungen" (selbst dieses lehnen Schröder und Naumann ab) bedeutet mehr als eine sachlich bedingte Mehrzahlbildung. Dieser Plural mag ein Kompromissangebot an die Politik gewesen sein. Aber nimmt nicht gerade dieser Kompromiss dem eigentlichen Anliegen das Fundament?

 Der Ausdruck Vertreibungen relati­viert! In diesem Begriff schwingt mit, dass das, was den Deutschen geschehen ist, keine Besonderheit ist, es ist eben eine von vielen Vertreibungen.  Das ist sie eben nicht! Für uns Deut­sche ist es eben die Vertreibung und sie ist für uns einmalig, ihr gebührt ein zentraler Platz im Gedächtnis unseresVolkes.

 M. H.

(Aus Pommerische Zeitung)

 

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vom 08. November 2000
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