Seite 1

Stationen des Leidens und des Todes nach dem 2. Weltkrieg

 Image1.jpg (11983 Byte)

Lambsdorf/Oberschlesien, das alte Gedenkkreutz für die im Lager umgekommenen deutschen Opfer nach 1945. Dieses Kreutz wurde mehrere Male umgestürzt und sogar angezündet.

Ende Juni, Anfang Juli dieses Jahres weilte ich in meiner oberschlesischen Heimat. Der Anlass war: Der Geburtstag meiner Schwester. Es ist allgemein bekannt, dass nicht alle Oberschlesier vertrieben worden sind. Die Gebliebenen mussten Schwerstarbeit in den Gruben oder Eisenhütten leisten, damit die „Wirtschaft" alles hergibt, was nur möglich war. Die Sicherheit ging dabei„ verloren", es zählte nur die Produktion, nicht der Mensch. Viele sind dabei umgekommen. Ein großer Teil wurde nach dem Osten deportiert, um in der damaligen Sowjetunion in den Gruben, Stahlwerken bzw. anderen Industriezweigen oder in der Bauwirtschaft, Zwangsarbeit zu leisten, nur wenige kehrten von dort zurück. Viele Deutsche wurden in die sogenannten Arbeitslager, die man auch als Vernichtungslager bezeichnen konnte, „eingewiesen".

Bei der Unterhaltung mit den anderen Geburtstagsgästen, wurde mir berichtet, dass in diesem Jahr besonders dieser Opfer gedacht wurde und immer noch wird. Die beiden Lager Lamsdorf, Swientochlowitz -Zgoda waren die bekanntesten, da in beiden Lagern starben ca. 10 000 Menschen, genaue Zahl lässt sich nicht feststellen. Da ich auf meinen Reisen auch nach stummen Zeugen der Geschichte suche und mein Vater auch 21/2 Jahre in verschiedenen Lagern verbrachte, wollte ich nachforschen, was aus dem Lager Zgoda noch übrig blieb. Mein Vater ist auch dort eingeliefert worden, als Zimmermann aber in andere Lager, verschickt wurde, hatte er das Glück der Hölle von Zgoda zu entkommen. Die anderen Lager waren etwas „humaner", doch oft mussten die Soldaten der Roten Armee eingreifen, damit die Misshandlungen nicht überhand nahmen. Außerdem haben die Zivilisten diesen Zwangsarbeitern, die ihre Wohnungen oder Häuser instandsetzten, auch etwas mit Lebensmitteln „ausgeholfen". Doch meistens lag die Behandlung in den Händen der Lagerkommandanten.

In der dortigen Zeitung, die wöchentlich in deutscher und polnischer Sprache erscheint, las ich einen Artikel über ein Gedenktreffen, das auf Initiative des DFK-Vorsitzenden, Anton Nowok aus Ruda, zum fünften Mal stattfand. Man traf sich vor dem Eingang des Lagers Zgoda in Swientochlowitz, wo viele Oberschlesier nach dem Krieg umgekommen sind. Diese Feier wurde dann nach Neubeuthen (Friedenshütte) verlegt, wo sich ein symbolisches Grabmal der in Zgoda ums Leben Gekommenen befindet. Dort wurden Blumen niedergelegt.

Traditionsgemäß wurde in der St.Peter Kirche eine Messe für alle Opfer des Lagers zelebriert. An dieser Feier beteiligten sich auch ehemalige Lagerinsassen, Vertreter der Sozial - Kulturellen Gesellschaft der Deutschen (auch DFK genannt), der Wojewodschaft Schlesien und Abgeordnete. Am Nachmittag veranstaltete das Stadtkulturzentrum, die DFK-Ortstelle in Ruda, den „Deutschen Kulturtag", bei dem unter anderem Musik in der Ausführung der Jugendlichen aus schlesischen Schulen zu hören war.

 

Seite 2

Stationen des Leidens und des Todes nach dem 2. Weltkrieg


    Ich bat meinen Bekannten, der mich öfters in der Heimat„ kutschierte", um diesen Friedhof aufzusuchen. Wir begaben uns auf die Suche, haben 3 Friedhöfe besucht, einige Friedhofsbesucher gefragt, doch niemand wusste davon zu berichten. Auf manchen anderen Friedhöfen findet man Grabstätten, mit einer Inschrift: „Den Opfern von Zgoda". Es war aber nicht der Friedhof, der in der Zeitung genannt war. Anschließend fuhren wir zu einem Bekannten von meinem Begleiter, dieser stammt aus Swientochlowitz, er müsste es wissen. Doch Funkstille. Als ich aber die Zeitung mit dem Text und einem Bild, auf den ein Teil des Eisenzaunes zu sehen war; zeigte, war das Eis gebrochen, er sagte: Es gibt hier nur einen Friedhof mit einem solchen Zaun. Wir fuhren in seiner Begleitung zu diesem Friedhof. Dort einige Friedhofsbesucher gefragt, auch hier Funkstille. Es gibt ein Mahnmal und es kennt keiner? Als wir eine ältere Dame fragten, sie hat uns sehr wahrscheinlich nicht verstanden, zeigte uns aber den Weg zum Steinmetz. Auf dem Wege sah ich das besagte Mahnmal vor mir, nicht auf den Hauptweg, sondern am Rande des Friedhofs, doch wer zum Steinmetz geht, kann das Mahnmal für die Opfer der Zgoda sehen. Bekannter aus Swientochlowitz staunte sehr, zumal er mehrere Male im Jahr diesen Friedhof besucht, da hier seine Tante ruht.

Ich bedankte mich bei dem Swientochlowitzer, da er wieder seinen Dienst weiter versehen musste, mein Begleiter hat ihn bis zum Ausgang begleitet. Ich blieb noch eine kurze Zeit bei diesem Mahnmal, fotografierte es mehrere Male, denn die Lichtverhältnisse waren nicht sehr günstig und ich mein Blitzlicht nicht dabei hatte. Doch fühlte ich mich von zwei älteren Herren und einer Dame beobachtet, nun wollte ich etwas mehr über Zgoda erfahren, doch diese waren ziemlich „verschlossen", als ich aber dann gefragt habe, ob sie auch deutsch sprechen, hieß es sofort: „Aber sicher", damit war das Eis etwas gebrochen, doch eine Zurückhaltung war zu merken. Der eine Herr hat aber trotzdem geschwiegen. Ich habe auch gesagt, dass ich hier in Oberschlesien geboren bin und seit dem Kriegsende in Deutschland wohne. Sie haben sich gewundert, dass mich dieses Mahnmal interessiert. Nach einer kurzen Unterhaltung merkte ich bei dem schweigsamen Herren, dass ihm Tränen in den Augen stehen, er bemerkte, was mich sehr wunderte: Sie kommen aus Deutschland? Aus welchem Deutschland? Was ist aus Euch geworden? Für die ganze Welt gibt es Hilfe, doch die eigenen Leute interessieren euch nicht. Wo bleibt unsere Entschädigung für die Zwangsarbeit, die wir nach dem Kriege geleistet haben, in den Weiten Rußlands, in Polen und hier in Zgoda? Wo ist ein Politiker, der an einer solchen Gedenkstunde sich bei uns sehen lässt? Besucher aus dem Westen gehen nur an die Gräber ihrer Familienangehörigen oder Bekannten, wo bleibt ein „Vaterunser" an diesem Mahnmal? Keine Zeit? Er drehte sich um und ging. Nach ca. 50 Metern drehte er sich um, kam zurück mit folgender Bemerkung: Bitte nicht böse sein, ich habe nicht Sie gemeint, denn Sie haben das Mahnmal besucht und waren bestimmt in Gedanken bei den Opfern. Jetzt verabschiedete er sich und meinte: Ich habe das Deutschland besucht, aus dem Sie kommen, doch meine Heimat ist hier, hier bin ich nicht „eingeengt", wünschte mir eine gute Reise, und denken Sie bitte an Zgoda und die paar Minuten hier mit uns, er ging zum Ausgang, Ich aber schämte mich, bewunderte den Mut dieses Mannes. Seine Meinung war nicht nur vereinzelt. Auch ein Weg zum heimatlichen Friedhof kann manchmal lehrreich sein.

Seite 3

Stationen des Leidens und des Todes nach dem 2. Weltkrieg

Nach einer kurzen Unterhaltung mit den beiden Dagebliebenen verabschiedete ich mich herzlich, sie baten, mich, nicht böse zu sein, doch dieser Bekannter ist oft hier auf dem Friedhof, er hat viele Familienangehörige verloren, nur weil sie Deutsche waren. Sie haben mir noch kurz erklärt, dass Zgoda sehr radikal war, die Menschen in der Umgebung haben fast jede Nacht Schreie gehört, die Fuhrleute aus der Umgebung mussten die Toten mit den Pferdefuhrwerken aus dem Lager fahren, nicht auf die umliegenden Friedhöfe, sondern außerhalb. Viele Namen sind unbekannt, auch die Zahl der Toten ist unbekannt, in vielen Fällen sogar der Punkt, wo sie verscharrt wurden. Der Lagerkommandant, Salomon Morell, hat sich vor einigen Jahren nach Israel „abgesetzt", mit einer Auslieferung ist nicht zu rechnen, obwohl die poln. Behörden ein Prozess angestrebt haben, doch man tat es, obwohl man weiß, dass eine Auslieferung nicht erfolgen wird.

Der Lagerkommandant von Lamsdorf soll heute noch in Kattowitz wohnen, gegen ihn wurde ein Prozess dur, durchgefahren ist aber freigesprochen worden. Ein früherer Prozess, der von Deutschland beantragt wurde, ist von deutscher Seite„ vereitelt" worden. Ob nur deutsche Verbrecher in der Welt verurteilt werden? Vielleicht hatte der schweigende Herr auf dem Friedhof doch Recht?

Das Lager Lamsdorf habe ich schon mehrere Male aufgesucht, auch schon zu kommunistischer Zeit, auch dann als es möglich war, dort ein Holzkreuz aufzustellen. Das Holzkreuz ist mehrere Male umgeworfen worden, j a sogar angezündet worden. Seit einigen Jahren ist an dieser Stelle ein schweres Steinkreuz, die Inschriften auch in beiden Sprachen. Doch auch das Steinkreuz mit einem Gewicht von 1 Tonne ist schon mit dem Hebekran „ausgehoben" worden. Nur eins kann ich nicht verstehen, wie kann ein zu fast 100 % christliches Volk ein christliches Zeichen so missbrauchen? Nichtmal den Toten gönnt man die ewige Ruhe. Es bleibt nur noch zu sagen: Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Ist das alles dem jetzigen Papst nicht bekannt???

Ich möchte an dieser Stelle die Zeitung nennen, die mir geholfen hat, das Mahnmal für die Toten des Lagers Zgoda zu finden: Schlesisches Wochenblatt Nr. 25/429.

Fotos und Text: F. Mierzwa

Seite 4

heimatbrief3.gif (4253 Byte)

vom 06.09.2000
hier gehts weiter

Stationen des Leides 1
Stationen des Leides 2
Stationen des Leides 3
Seite 4

Presse