" Hindenburg OS " die Heimat vor 100 Jahren

Die Alte Post Ein altes Bild von mir mit meinen Möglichkeiten coloriert.

Das Postgebäude gegenüber dem Bahnhof   erbaut  1893

Es ist aus eigenem Erleben nicht möglich, sich an das Geschehen in unserer Heimat vor hundert Jahren zu erinnern. Es gibt aber zahlreiche Aufzeichnungen heimatverbundener Zeitzeugen, die dafür gesorgt haben, daß ihre Zeit nicht in Vergessenheit gerät. Dazu gehören auch die Veröffentlichungen des Max Woywod Verlags in Breslau, die in Buchform in den Jahren 1898 und 1903 unter dem Titel: ,,Bunte Bilder aus dem Schlesierlande", herausgegeben vom Schlesischen Pestalozzi-Verein, erschienen sind. Mit C. Luppa, J. Koschmieder, H. Kölling, Fuhland, Th. Jurock unterzeichneten die Autoren ihre Beiträge.

Leider wird in der nachstehenden Beschreibung der oberschlesischen Landschaft keine Zeitangabe gemacht. Sie könnte zeitlich für den Abriß auf einem Ortsplan von Dorotheendorf aus den Jahren nach 1860 zutreffen. Man kann aufgrund der vielen weißen Flecken auf dem Plan schlußfolgern, daß die Entwicklung zu einer Großstadt erst in den späteren Jahren begonnen hat.

Der Bahnhof ist eingezeichnet. Er wurde auf einem Feld errichtet, entlang der Eisenbahnstrecke Breslau - Zabrze - Myslowitz - im Jahre 1846 in Betrieb genommen-. Auf dem Wege vom Bahnhof nach Dorotheendorf, der späteren Dorotheenstrasse, ist als erste Abzweigung die spätere Friedrichstrasse eingezeichnet. Sie ist auf der rechten Straßenseite bebaut. Hinter dem damals , "Königlichen Knappschafts Lazarett", linksseitig, ist eine Abzweigung, die die spätere Florianstrasse sein könnte. Hier steht ein einziges Bauemgehöft, auf der rechten Seite. An ,,Händler's Brauerei" vorbei mündet der Weg in die Chaussee von Gleiwitz nach Königshütte die spätere Kronprinzenstraße. - Zuruck auf den Weg nach Dorotheendorf. Es gibt zwei weitere Abzweigungen. Links in die ,, Colonie Dorotheendorf", wohin die spätere Urbanstrasse, und rechts auf den ,,Weg nach Sosnitza", die spätere Kampfbahnallee. Am Beginn des Weges nach Sosnitza, auf der rechten Seite, ist das Vorwerk "Dorotheendorf".

Sicher gab es in und rund um unsere Heimatstadt zu dieser Zeit nicht mehr soviel Wald wie ihn C. Luppa beschreibt. Seine Ausführungen beziehen sich auf die Landesteile unserer oberschlesischen Heimat, die zu jener Zeit noch nicht von der Industrie erobert waren; jene Landesteile über welche der damalige Großstädter die Nase rümpfte, was für C. Luppa Veranlassung war, die Schönheiten des Landes hervorzuheben, wobei er mit tadelnden Worten nicht sparte: Gewiss, Oberschlesien ist reich bewaldet, und zwar hat es nicht etwa dürftiges Gestrüpp und schwindsüchtige Schonungen aufzuweisen, sondern Waldungen, die dem Naturfreund das Herz im Leibe lachend machen, deren Kiefern, Tannen und Fichten, kerzengerade zum Himmel anstrebend uns den Begriff von ,,Hamburger Balken" deutlich zu veranschaulichen vermögen.

Freilich dem verwöhnten Großstädter, dem jeder Anblick von ,,zu viel Jejend" Unbehagen verursacht, dürfte es im Schatten dieser Waldesriesen unheimlich werden; denn zu deutlich drüngt sich ihm in Gegenwart göttlicher Schöpfungskraft seine eigene Kleinheit auf. Sollte aber der Gegenstand so vielfacher dichterischer Verehrung, dessen sich andere Länder so gern als schönster Zier rühmen - sollte gerade der Wald für Oberschlesien Veranlassung sein, der Gegend den Ruf der Wildheit, des Kulturmagels zu verschaffen?

Der Verbreitung schreckenerregender Zustände in Oberschlesien insbesondere in dem an Russisch-Polen angrenzenden Teil, hält er entgegen: Bären und Wölfe lernt auch der Oberschlesier an der berüchtigten polnischen Grenze nicht anders kennen, als jeder andere Deutsche, nämlich im Bilderbuch und in der Menagerie, dagegen veranlaßt der Waldreichtum das Gedeihen anderer Tierarten, die durchaus nicht zu verachten sind. Hier ist die Quelle, aus der so manche Großstadt mit den verschiedensten Wildsorten reichlich versorgt wird. Dem Umstande, daß die dortigen Flüsse und Bäche noch nicht mit giftigen Absonderungen aller möglichen industriellen Anlagen verunreinigt sind, ist es zu danken, daß hier noch ergiebiger Boden für Fisch- und Krebszucht aufzuweisen ist. Mancher ,,Böhmische Edelkarpfen" der dem Großstädter gar trefflich mundet dürfte seine Heimat jenes Land nennen, das so häufig der Gegenstand für den Spott des Großstädters abgegeben hat,  nämlich Oberschlesien. Nein, Bären haben Oberschlesiens Wälder nicht aufzuweisen, um so mehr aber Beeren, Heidel-, Preisel- und Erdbeeren, die nun auch nach und nach beginnen ein nennenswerter Ausführartikel zu werden und wenn Du mit behaglicher Freude das "Purpurgefünkel" deines Weinglases bewunderst, wie die im edlen Saft sich brechenden glühenden Strahlen des Lichts Dir scheinbar feurige Grüsse übermitteln, drüben von Frankreich oder von Ungarn, her sieh Dich vor, ob nicht etwa neckische Kobolde aus Oberschlesiens  Wäldern ihre Hand mit im Spiele hatten.

Den oberschlesischen Bauern vergleicht er mit den Bauern aus der Mark (Mark~Brandenburg A. d. A.) und deren landwirtschaftlichen Erfolgen: Auch an Sandwüsten und Sumpfstrecken haben jene Gegenden nicht mehr aufzuweisen, als andere, einer vernünftigen Bodenkultur zugänglich gemachten Teile deutscher Lande, von ersterem aber sicher weniger als des ,,heiligen deutschen Reiches Streusandbüchse" (Mark~Brandenburg, A. d. A.), die deswegen aber dennoch nirgends verächtlich befunden wird. Vielmehr rechnet man es dem Märker als besonders lobenswerte Kraftleistung zu, daß er auch diesem unfruchtbaren Boden Erträge abzuringen versteht. Nur ein Akt der Gerechtigkeit ist's daher, wenn wir auch dem Grenzoberschlesier eine unermüdlich emsige landwirtschaftliche Tätigkeit nachrühmen, die, mit Zähigkeit gepaart, ebenfalls trefflich versteht, sich die mannigfaltigen Bodenverhiltnisse dienstbar zu gestalten. Hierbei ist der oberschlesische Bauer stets bestrebt, seinem vornehmeren Arbeits genossen, dem Ritter Gutsbesitzer, Pächter königlicher Domänen oder sonstigen Repräsentanten des Großgrundbesitzes, der in jener Gegend sehr stark vertreten ist, die Fortschritte auf dem landwirtschaftlichen Gebiete nach Möglichkeit abzusehen und seinen kleineren Verhältnissen anzupassen. Eine anschauliche Beschreibung unserer Heimat, so wie sie noch vor 100 Jahren vielerorts aussah, als Oberschlesien die östlichste Grenze des deutschen Reiches war. Das Dreikaisereck wurde die Stelle genannt, an der die drei Kaiserreiche Deutschland, Österreich und Rußland bei Myslowitz, am Zusammenfluß der schwarzen und weißen Przemsa, zusammenstießen.

Bearbeitet nach einem Aufsatz von Horst Grabinski