Die Geschichte der Donnersmarckhütte |
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Jedermann im oberschlesischen Industriegebiet kannte die Donnersmarckhütte. Aber nur wenige kannten auch Adolf Jarislowsky, dessen Geschick eng mit der Donnersmarckhütte verknüpft ist. Die ,,Donnersmarckhütte, "Oberschlesische Eisen- und Kohlewerke Aktiengesellschaft" wurde am 17. November 1872 gegründet und am 1. Juni 1927 im Handelsregister gelöscht, nachdem ihr gesamtes Vermögen unter Ausschluß der Liquidation auf die ,,Oberschlesischeisenbahn Bedarfsaktien Gesellschaft" (,,Oberbedarf") übertragen worden war. 55 Jahre hat also diese Großfirma bestanden und eine Entwicklung mit Höhen und Tiefen erlebt, auf deren Gipfel Adolf Jarislowsky aus Hultschin die Geschicke der Aktiengesellschaft leite Wie der Name verrät, war die Gesellschaft nach der Adelsfamilie von Donnersmarck benannt. Gründer war "Guido Graf Henckel von Donnersmarck" mit noch 4 Persönlichkeiten, die aber allem Anschein nach nur Strohmänner gewesen waren. Sein Vater, Graf Karl Lazarus, hatte schon 1826 das Steinkohlenvorkommen der späteren Concordiagrube erworben. Graf Guido, der später in den Fürstenstand erhoben wurde, war ein scharfer Kalkulator, der auch mit Pfennigen rechnete und sich mit Vorliebe um sogenannte Kleinigkeiten kümmerte. Das Gründungskapital betrug 6 Millionen Reichsthaler. Der Graf hatte bald aus verschiedenen Gründen Streitigkeiten mit Vorstand, Aufsichtsrat und freien Aktionären und schied 1884 aus dem Aufsichtsrat der Gesellschaft aus, nachdem er sich vorher ganz von seinem Aktienbesitz getrennt hatte Doch die Differenzen innerhalb der Aktiengesellschaft führten bald zu einem Kursverfall. Hatte man im 1. Geschäftsjahr noch 6% Dividende gezahlt, so verschlechterte sich die Situation der Gesellschaft von Jahr zu Jahr. Von 101,5 und zum Jahresultimo 1874 war der Kurs in den Keller gefallen: auf 56,0 also ungefähr die Hälfte des Emissionskurses. Allerdings war auch der Kohlenpreis von 56 Pf/Zentner im Gründungsjahr auf 28 Pf. Ende 1875 zurückgegangen. Ende 1876 war der Kurs gar auf 19 gesunken und 1877 wurde der Tiefstand mit 17,5 erreicht! Wurde im Jahre 1878 noch 1/2% Dividende ausgeschüttet, gab es von 1885-1887 gar keine Dividende! Den schweren Krisenjahren folgte ab 1888 ein unerwartet glänzender Aufstieg, wohl im Verfolg der allgemeinen Konjunkturbesserung. Der Aufstieg der Donnersmarckhütte war aber nicht nur mit dieser guten Konjunktur verknüpft, sondern in weitgehendem Maße auch mit dem Wirken zweier Männer, die jetzt die Zügel fest und zielbewußt in die Hand nahmen. Dies waren der Bankier Adolf Jarislowsky, der nunmehr die nächsten zwei Jahrzehnte hindurch Vorsitzender des Aufsichtsrates war, und der Direktor, spätere Generaldirektor und Kommerzienrat Hochgesand, der volle drei Jahrzehnte, von 1889 bis 1919, Vorstandsmitglied der Donnersmarckhütte AG war. Adolf Jarislowsky stammte aus Huitschin und aus kleinen Verhältnissen. Einige seiner charakteristischen Wesenszüge hatte Dr. Hauptmann aus Gleiwitz in einer Artikelfolge über die Donnersmarckhütte festgehalten. Jarislowsky hatte sich grundlegende wirtschaftliche Kenntnisse zunächst im Kohlenhandel erworben, ehe er dann zum Bankfach überging. Er brachte zweifellos eine große natürliche Begabung für alles Wirtschaftliche mit, insbesondere aber für das Börsengeschehen. Man sagte ihm nach, daß er den gesamten Kurszettel der Berliner Börse im Kopfe habe. Jarislowsky stammte aus einer Zeit und aus Verhältnissen, wo man gelernt hatte, mit dem Pfennig zu rechnen. Persönlich war er äußerst anspruchslos; für Droschken, Portiers und Dienstmänner wären ihm die Groschen zu schade. Dasselbe sagte man übrigens auch dem alten August Thyssen im Westen nach. Jarislowsky erschien alle paar Wochen auf der Donnersmarckhütte in Hindenburg selbst (Sitz der Gesellschaft war Breslau) und inspizierte sehr gründlich in stundenlangen Gängen und Besprechungen mit dem Betriebschef alle Betriebe. Er soll oft bereits früh um 6 Uhr allein ohne Führung die Betriebsstätten, die ihm besonders ans Herz gewachsen waren, aufgesucht haben, um sich durch Befragen der Aufseher und Arbeiter Aufklärung über alles ihn Interessierende zu verschaffen. Dann soll er persönlich sehr scharf in den Betrieb und in die Verwaltung eingegriffen haben. Insbesondere ging von ihm der Grundsatz äußerster Sparsamkeit aus, der bis ins kleinste ging und die ganze Verwaltung durchdrang. So soll er sich beispielsweise beklagt haben, wenn er einen unnützen Schreibpapierverbrauch und überflüssiges Porto feststellte. Ende der neunziger Jahre beantragte Generaldirektor Hochgesand den Bau eines neuen Verwaltungsgebäudes mit der Begründung, daß die alten Räume vollkommen unzureichend und zu wenig repräsentativ seien, wobei er beispielgebend auf das neue Bürohaus der Oberschlesischen Eisenindustrie AG" in Gleiwitz hinwies. Jarislowsky lehnte ab: ,,Gute Gesellschaften können sich schlechte Verwaltungsgebäude leisten!" Seine geschäftliche Genauigkeit ging so weit, daß er die alljährlich stattfindende Auslosung der Teilschuldverschreibungen in die Generalversammlung verlegte, wodurch er die Teilnehmer an der Generalversammlung nötigte, bis zur Beendigung der Auslösung dazubleiben, weil erst dann das notarielle Protokoll abgeschlossen werden konnte. Mit diesem Trick sparte Jarislowsky die Kosten für einen besonderen notariellen Akt. Dieser Gesichtspunkt war für ihn maßgebender als die Rücksichtnahme auf die Teilnehmer der Generalversammlung und deren auch damals schon immerhin nicht besonders reichlich bemessenen Zeit. Vom
Repräsentieren und öffentlichen Hervortreten hielt Jarislowsky für seine Person nichts;
er konnte es wohl auch nicht. Besonderen Veranstaltungen, wie z.B. der Abhaltung von
gemeinsamen Diners, war er abgeneigt. Bei Konzerten der Hüttenkapelle soll er räsoniert
haben, daß es ihm die Musik unmöglich mache, sich über geschäftliche Angelegenheiten
ungestört zu unterhalten. Kein zweites Werk in Oberschlesien ist der Donnersmarckhütte in der mustergültigen sozialen Wohlfahrtspflege auch nur annähernd gefolgt und Jarislowsky scheint auch auf diesem Gebiete einen besonderen Ehrgeiz gehabt zu haben. Wenn er selbst auch nicht gern repräsentierte, so gab er doch acht, daß für das Unternehmen Würde gewahrt wurde und sah es nicht ungern, wenn seine leitenden Angestellten sich nicht zurückdrängen ließen. Im Jahre 1907 erkrankte Jarislowsky geistig. Man ließ ihm jedoch aus Pietät noch bis 1909 den Vorsitz im Aufsichtsrat. Sein Amt verwaltete in dieser Zeit der stellvertretende Vorsitzende Bergrat Franz Pieler, der ältere. 1910 wurde dann Jarislowskys Schwager, Rechtsanwalt Eugen Goldstein, zum Vorsitzenden des AG ernannt, doch führte man Adolf Jarislowsky noch bis 1911 formal im Aufsichtsrat, bis man schließlich erkennen mußte, daß eine Genesung aussichtslos war. Man erzählte aber, die Donnersmarckhütte wäre ihm so sehr ans Herz gewachsen, daß das große Interesse für die AG auch in seiner geistigen Umnachtung nicht erloschen war. Kenner der AG vertraten die Ansicht, daß Jarislowskys Erkrankung für die Gesellschaft ein tragisches Ereignis gewesen sei und deren späterer Niedergang unter Jarislowskys Leitung nicht eingetreten wäre. Es mag sein, daß ein großer Teil der Aktionäre ihren Aktienbesitz festgehalten hätte und so die späteren Konstellationen nicht eingetreten wäre, wenn Jarislowsky, zu dem sie unbedingtes Vertrauen hatten, die Führnng behalten hätte. Kommerzienrat Hochgesand wird als eine weiche und liebenswürdige, durch und durch vornehme Natur geschildert, der auch den reichlich rauhbeinigen und wohl etwas ungeschliffenen Jarislowsky außerordentlich stark beeinflußte. Beide Männer verkörperten starke Gegensätze, aber jedem haben wohl die Eigenschaften des andern imponiert, und so haben sie dann fast 20 Jahre recht gut miteinander gearbeitet. Hochgesand blieb im Vorstand. Jarislowskys und Hochgesands Wirken läßt sich einfach an Zahlen ablesen. Die Dividenden
stiegen laufend: 1900: 16% und 1913: 24%! Auch der Kurs stieg höher: 1888 lag er
bei 64, Der Grubenbetrieb, hier vor allem die Abwehrgrube und die Koksanstalt, waren es, die im wesentlichen die Gewinne brachten, dazu noch die Hochöfen und die Röherengießerei. Die Bemühungen der Donnersmarckhütte um eine eigene Erzbasis scheiterten allerdings auch unter Jarislowskys Führung, trotz mancherlei Versuchen in ganz Europa, von Norwegen über Ungarn bis zur Ukraine. Wie eng die Beziehungen der Donnersmarckhütte AG zu diesem Mann waren, geht daraus hervor, daß man ihn, obwohl er bereits 1907 unheilbar erkrankt war, noch 4 Jahre als Mitglied des AG führte. Es war dann wohl auch Rücksicht auf ihn, daß man seinen Schwager Goldstein zum Vorsitzenden des Aufsichtsrates machte. Goldstein aber hat sich die 12 Jahre bis 1922, die er nun den Vorsitz des AG innehatte, anscheinend immer nur als Platzhalter für Jarislowsky, nicht aber als selbständiger Führer gefühlt. Bis 1919 wirkten noch Jarislowskys Intuitionen nach, so konnte die Donnersmarckhütte als Folge geschickter Wirtschaftspolitik noch 1917 18% Dividende zahlen, und sogar 1919 noch 15%! Aber nun folgten in raschem Wechsel viele Direktoren und Generaldirektoren, die sich laufend ablösten. Auch die Besitzverhältnisse änderten sich: Im Aufsichtsrat waren außer der Jarislowsky-Gruppe, nun auch die Deutsche Bank, die Graf-Ballestremsche und die Graf-Schaffgottsche Verwaltung vertreten, neben anderen, z. B. den Hahnschen Drahtwerken Oderberg, später auch der Dresdner und der Darmstädter Bank. Als es 1922 schließlich nur noch 0,1% Dividende gab, erwarb im gleichen Jahr die ,,Oberbedarf" 77% der Aktien, ein kleiner Restbesitz wurde mit anderen Gesellschaften zusammengeschlossen. Gegen solche Transaktionen zog eine Oppositionsgruppe unter Alfred Jarislowsky, eines Sohnes von Adolf Jarislowsky, zu Felde, einigte sich aber doch und verkaufte der ,, Oberbedarf" ihre Aktien, in deren Besitz 1925 schon 88% der Aktien waren. Im Jahre 1927 war die Donnersmarckhütte AG ganz im Besitz der ,,Oberbedarf". Für die Beurteilung der Entwicklung der Donnersmarckhütte und insbesondere für den letzten Abschnitt ihrer Geschichte kann man schlecht eine einfache klare Linie finden; zweifellos haben immer verschiedene Momente zusammengewirkt: allgemeine Wirtschaftszerrüttung im oberschlesischen Polenputsch, interallierte Besetzung, unglückliche Grenzzerschneidung, Revolution und Inflation und endlich die veränderten Kapitalinteressen. Dennoch wirkt die Geschichte der Donnersmarckhütte AG, in der so viel zähes Ringen, so viel Hoffnung und Enttäuschung zum Ausdruck kamen, fast wie eine Tragödie. Es erscheint fraglich, ob Adolf Jarislowsky, der große Hultschiner, den Niedergang hätte verhindern können. Die Donnersmarckhütte selbst existierte zum Schluß noch als Betriebsabteilung der ,,Vereinigten oberschlesischen Hüttenwerke AG" (,,Oberhütten"). Verbunden mit ihrem Namen bleibt immer der geniale Finanzexperte Adolf Jarislowsky aus Huitschin, der noch Anfang der dreißiger Jahre lebte, über dessen Ende aber die zugänglichen Quellen keine Auskunft geben. Vielleicht weiß es ein alter Hüttenmann oder ein alter Hultschiner. Bis vor kurzem existierte in Berlin jedenfalls noch ein Bankhaus Jarislowsky. Georg Kachel |